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    Digitale Transformation in China: Das chaotische Milliarden-Testlabor

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    China ist längst Weltmacht – vor allem digital. Was macht das Land anders, damit es so deutlichen Vorsprung in der Digitalisierung erlangt?

    Ankunft in Peking: Das Flughafen-Gebäude ist ein gigantisches geschwungenes Dreieck, das sich über mehrere hundert Meter spannt. Einige wenige Säulen tragen die hektargroße, luftige Dach-Konstruktion. Ist das etwa schon der neue Pekinger Flughafen? Nein, tatsächlich: Es ist der alte Flughafen von Peking – und er ist beeindruckender, als der BER je sein wird.

    Und dann steigt man in ein automatisches Shuttle ein und realisiert: Das war nur eines von drei Terminals.

    Alles wirkt wie aus den Dimensionen geraten – der einzelne Mensch schrumpft und verschwindet angesichts der schieren Größe Chinas und seines Gigantismus. Die Grenzkontrolle ist durchdigitalisiert. Überall sind gut sichtbar Kameras montiert – letztendlich nur ein weiterer Beweis dafür, wie China die Digitalisierung mitsamt ihrer Datenflut meistert, und der Einzelne in der Masse untergeht.

    Wie sind uns die Chinesen binnen zweier Jahrzehnte digital so davongeeilt?

    Ich sehe da drei Komponenten, die ich hier kurz skizzieren möchte.

    Erstens: Staatliche Steuerung sorgt für radikale Umsetzung.

    Egal ob Internet of Things, Robotics oder KI: Der chinesische Staat hat schon vor Jahren beschlossen, diese Themen äußerst ernst zu nehmen, und pumpt nun ein Vielfaches der europäischen Summen in Forschung und Entwicklung. Auch der Planungshorizont ist hier ein ganz anderer: Verzweifeln Europäer schon an Laufzeiten, die sich über mehr als zwei Jahre erstrecken, denkt China von Anfang an in viel längeren Intervallen. Fünf, zehn, auch 15 Jahre oder mehr sind normal für Transformations- und Großprojekte.

    Das hat Effekte auf die Arbeit selbst, die Ergebnisse, aber eben auch die Investitionssummen. 20 Milliarden Euro will die Europäische Union in den kommenden Jahren in die Technologie stecken. Klingt viel? Ist es nicht: In China werden es bis 2030 sogar 150 Milliarden Euro sein.

    Alles geschieht in völlig anderen Dimensionen.

    Die werden so eingesetzt, dass alles eigenständig und isoliert vom Rest der Welt entwickelt wird. Man entzieht sich dem globalen Wettbewerb, errichtet Modellstädte direkt in Millionengröße: Alles geschieht in völlig anderen Dimensionen und in einer uns unbekannten Radikalität.

    Was der Staat einmal beschließt, wird mit aller Kraft umgesetzt.

    Dabei spielt das Land einen inhärenten Vorteil aus: seine schiere Größe. Das Land ist ein Testlabor mit 1,3 Milliarden Menschen, immerhin 18 Prozent der Weltbevölkerung. Ein Datensatz, der durch seine schiere Größe Vorteil bedeutet.

    Zweitens: Gnadenloser Pragmatismus macht Technologie reif.

    Was neu ist, findet in China unkompliziert und pragmatisch Anwendung: Es wird die Technologie eingesetzt, die verfügbar, bezahlbar und in der jeweiligen Situation sinnvoll ist. Dabei gibt es selten „die eine“ Lösung. In Peking fahren Erdgasbusse neben Elektrobussen mit und ohne Oberleitung. Gleichzeitig tuckern weiterhin tausende konventionelle Diesel im durch die Straßen. Dogmatismus, wie er hierzulande seit dem Streit um Atomenergie herrscht? Gibt es in China nicht.

    Das führt zu einem faszinierenden Chaos aus Alt und Neu: So kann man in vielen Taxen kontaktlos per Handy oder Kreditkarte am Touchscreen bezahlen. Dass das Vehikel selbst 20 Jahre alt ist, spielt dabei keine Rolle. Anderswo lässt sich auch in einfachen Restaurants per Barcode an den Tischen bestellen und bezahlen – die Küche bleibt traditionell, bestellt und bezahlt wird aber per Handy. Kreditkarten sind bereits überholt.

    Sobald eine Technologie fertig ist, wird sie direkt in den Markt geschickt. Bedenken, Hürden, Testphasen? Fehlanzeige. Die Bevölkerung wird zum Beta-Tester.

    Drittens: Nationalismus und einfache Arbeit helfen, den Wandel zu verdauen.

    Fortschritt bringt Veränderung und Schmerz mit sich. Wir kennen das: In Deutschland meckern messbare Anteile der Bevölkerung, weil sie vom Fortschritt überfordert sind.

    In China ist das anders. Hier bleiben Unruhen im Zuge der Digitalisierung aus – es scheint eher so, dass die Menschen alles Digitale mit offenen Armen empfangen. Selbst Senioren gehen versiert mit ihren Smartphones um. Und das, obwohl der Wandel noch so viel größer war und ist als in vielen europäischen Ländern.

    Nur eine Herausforderung: China setzt auf viele einfache Jobs.

    Einerseits ist da der starke Stolz auf das eigene Land, der immer noch viele Chinesen mitreißt. Die Regierung setzt zudem auf Jobs für alle – auf furchtbar viele ganz einfache Jobs. Jeder Bürger hat so etwas zu tun. Allerdings sind viele der Jobs überflüssig, monoton und sollten im Zuge der Digitalisierung eigentlich schon gewichen sein. Warum braucht es etwa Menschen an den Mautstationen der großen Verkehrsachsen? Das sind Beschäftigungsmaßnahmen, um die Bevölkerung zufriedenzustellen.

    Diese Herausforderung wird Peking mittelfristig meistern müssen.

    Wie können wir als Europa gegen einen solchen Riesen bestehen?

    Indem wir – erstens – Geduld haben und lernen, dass ein großer Plan und eine große Veränderung auch länger benötigt als nur eine Legislaturperiode. Europa benötigt wieder die Fähigkeit für Visionen und das Durchhaltevermögen, sie auch umzusetzen.

    Zweitens: Während wir in Europa den Schutz persönlicher Daten bis ins Detail diskutieren, lassen wir jedoch den wichtigsten Punkt außer Acht: Daten sind die Währung unserer Zeit, und Daten sind das Fundament jeglicher sinnvoller KI-Anwendung. Denn nur möglichst große, anonymisierte Datensätze eignen sich, um Muster durch KI erkennen zu lassen oder eine KI zu trainieren. Beschneidet sich Europa in Sachen Datenschutz zu sehr, geht dem Kontinent die Währung für jegliche KI-Entwicklung aus. China hätte dann einen weiteren fundamentalen Vorteil – wir brauchen also einen Datenschutz mit Augenmaß.

    Ähnliches gilt für – drittens – ethische Normen. Derzeit stehen wir noch ganz am Anfang des KI-Zeitalters und der KI-Entwicklung – und führen in Europa aber äußerst detailreiche Grundsatzdiskussion über ethische Normen, bevor wir wirklich brauchbare Systeme entwickelt haben. Zum heutigen Zeitpunkt brauchen wir keine Schranken oder gar Denkverbote, sondern müssen zuallererst ausloten, was möglich ist. Vision first, Regulierung second!

    Zu guter Letzt haben wir in Europa durch unsere politischen Rahmenbedingungen einen besseren Kompass für marktwirtschaftliche Mechanismen. Und den brauchen neue Technologien: Was in stark reglementierten Umfeldern funktioniert, setzt sich vielleicht nicht unbedingt auf einem globalisierten Weltmarkt durch.

    Haben wir noch eine Chance gegen die Innovationswucht Chinas?

    Allerdings müssen wir gegebenenfalls unser Weltbild anpassen – denn bereits heute findet die Party eben nicht mehr im Westen statt. Auch wenn wir das fälschlicherweise glauben. Auf dem gesamten asiatischen Kontinent haben sich chinesische Lösungen bereits durchgesetzt, in dynamischen, jungen Ländern mit enormem Entwicklungspotential. Hier haben wir als Europäer die Vorbildfunktion völlig verloren.

    Das Rennen um Zukunftstechnologien ist zwar noch nicht gelaufen. Wir pochen in Europa zwar auf unsere Geschichte, die uns allerdings an vielen Stellen am Fortschritt hindert. Für mich fühlt sich Europa nach längeren Aufenthalten wie ein Freilicht-Museum an, so deutlich sind die alltäglichen Unterschiede. Wenn wir in Sachen KI-Entwicklung Schritt halten wollen, müssen wir – wie in so vielen anderen Bereichen auch – völlig umdenken und stark umsteuern.

    Unmöglich ist es nicht. Aber das wird eine echte Nagelprobe für den Westen und unseren alten Kontinent.

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